So wie in den meisten Orten gab es auch in
Coswig Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen stadtbekannt
waren. Man bezeichnete sie allgemein als Sonderlinge, gab ihnen Spitz- und
Beinamen. Meist wurden sie belächelt und gehänselt.
Hermann Pfeiffer, an den heute erinnert werden
soll, galt wohl als Sonderling, wurde aber von Groß und Klein in Coswig
geachtet und war beliebt. Er galt als Wetterprophet. Im Volksmund hieß er
nur der „Alte Pfeiffer“ oder auch „Astronom Pfeiffer“, da bekannt war,
dass er sich intensiv mit Himmelskunde beschäftigte. Als er vor 75 Jahren,
am 12. Januar 1931 in Coswig starb, würdigte ihn die örtliche Zeitung mit
einem Nachruf. Darin hieß es unter anderem:
„Mit Herrn Hermann Pfeiffer, der am Montag Abend im Alter von 74 Jahren
die Augen für immer schloß, hat unser Ort eine seiner populärsten
Persönlichkeiten verloren. …Durch sein langes Hiersein war er innig mit
dem Ort verwachsen. … Sein Beruf als Maurer gab ihm viel Gelegenheit im
Freien den Witterungsverlauf zu beobachten. Aus seinen lebenslangen
Beobachtungen des örtlichen Wetters kristallisierten sich seine
Wetterregeln heraus, auf Grund deren er seine oft überraschenden
Wettervoraussagen machte. Bei diesen stellte er aber auch seine
Beobachtungen am gestirnten Himmel mit in Rechnung. … Auch sonst gab der
immer freundliche Alte jedem Frager nach dem Wetter bereitwillig Auskunft
und freute sich, wenn jemand für seine Sache Interesse zeigte. Wie oft
wurde er am Tage vor der alljährlichen Schulreise von den Kindern
bestürmt: „Herr Pfeiffer, wie wird das Wetter morgen?“ Auch für das
Schulfest, das 1926 nach langen Jahren das erste Mal wieder stattfand,
prophezeite er schönes Wetter, und tatsächlich war auch der Sonntag des
Schulfestes nach einer langen Regenperiode ein selten schöner Tag. Nur
wenigen wird es auch bekannt sein, dass er sich in höheren Lebensjahren
noch die Kenntnisse der Stenographie selbst aneignete und auch längere
Zeit darin Unterricht erteilte. Jedenfalls hat sein schlichtes Leben
starke Spuren hinterlassen und viele, viele werden sich seiner noch oft
und gern erinnern.“
- Und nun ist er doch ganz und gar in
Vergessenheit geraten! Sicher trug dazu auch bei, dass sein Wohnhaus, ein
für Coswig typisches, dörfliches Fachwerkhaus nach seinem Tod abgebrochen
wurde. Es befand sich auf der Johannesstraße 3, anstelle des jetzigen
mehrstöckigen Wohnhauses.
Auch der damalige Hausabbruch war der Zeitung noch einmal wert, an den
„Alten Pfeiffer“ zu erinnern:
„Seit vorgestern ist man in der Johannesstraße damit beschäftigt, das
älteste Haus unseres Ortes, dem vor Jahren verstorbenen Privatus Pfeiffer
gehörig, wegen Baufälligkeit abzutragen, um einen gefälligen Neubau an
dessen Stelle erstehen zu lassen. Bekanntlich beschäftigte sich der
allgemein geschätzte „Vater Pfeiffer“ sehr eingehend mit Sternenkunde, und
so konnte man heute noch seine verschiedenen besonderen Aufzeichnungen in
Kreide an der niedrigen Stubentür seines schlichten Heimes in
stenographischen Lettern … genau entziffern. Daraus ist zu entnehmen, daß
er es mit seinen Beobachtungen auf seinem Lieblingsgebiet, der
Sternenkunde, recht genau genommen hatte. Es konnte daher auch nicht
wundernehmen, daß seine Prophezeiungen seitens vieler Gemeindeglieder mit
einer gewissen Hochachtung aufgenommen wurden. Mit der Abtragung jenes
ältesten Gebäudes, das auf ein weit über hundertjähriges Bestehen
zurückblicken konnte, ist ein gut Stück Ortsgeschichte dahingegangen. Die
ganze Bauweise gab ein Bild aus früherer Zeit mit den bekannten Lehmwänden
und entsprechendem Fachwerk, das immerhin auf das Auge des Beschauers
sympathisch wirkte.“
