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21. September 2006 Sanitätsrat Dr. med. Reginald H. Pierson Zum 100. Todestag einer Coswiger Persönlichkeit von überregionaler Bedeutung Teil 3: Die Heilanstalt „Lindenhof“ – Piersons Vermächtis Die beste Beschreibung über das Entstehen der „Heilanstalt für Gemüths- und Nervenkranke“ auf dem Terrain des Lindenhofes in Neucoswig, lieferte Dr. R. H. Pierson selbst. Er veröffentlichte 1896 unter diesem Titel eine umfassende Beschreibung seiner Heilanstalt „Lindenhof“ mit zahlreichen Fotografien und mehreren Plänen im Verlag F.C.W. Vogel, Leipzig. Aus diesem Buch wurde in späteren Artikeln über den „Lindenhof“ immer wieder zitiert und es bildet noch immer die authentischste Quelle für unser Wissen über die Anfänge dieser Heilanstalt. Historie Einst war der 1747 neu erbaute „Lindenhof“ ein Weinbergsgrundstück, benannt nach den hohen Linden, die ihm ein parkähnliches Aussehen gaben. Erst 1845, mit dem Verkauf an Dr. med. Gustav Bräunlich, wurde der „Lindenhof“ durch ihn zu einer Anstalt für Geisteskranke. Nach einer wechselvollen Geschichte eröffnete 1874 der Arzt Dr. Wolff die Anstalt erneut, nachdem sie seit 1867 nur noch von Erholungssuchenden zu Sommeraufenthalten genutzt wurde. Er erweiterte das Grundstück und verbesserte die Einrichtungen der Anstalt. Zehn Jahre danach, 1884, übernahm Dr. Franz Jäckel die Anstalt, der sie wiederum durch An- und Neubauten erweiterte. Nur vier Jahre später sah er sich durch Krankheit gezwungen, seinen Beruf aufzugeben. So fragte er bei Pierson an, ob er seine Pirnaer Nervenheilanstalt nach Neucoswig verlegen wolle (siehe Teil 2). Nach reiflicher Überlegung entschloss sich Dr. Pierson zum Umzug seiner alteingesessenen Heilanstalt von Pirna nach Neucoswig. Der Neubau Am 1. August 1891 ging der „Lindenhof“ in Piersons Besitz über. Er plante eine völlige Neugestaltung des gesamten Areals in einer Art Pavillonsystem. Damit konnten die Anforderungen an die unterschiedlichen Krankheitszustände der Patienten mit dem ländlichen Charakter des Grundstückes günstig in Übereinstimmung gebracht werden. Ausgeführt wurde der Plan durch den Leipziger Architekten Anton Käppler.
Die Grundsteinlegung für die ersten Häuser erfolgte bereits am 18. Juli 1890. Neben den Villen für die Kranken entstanden ein Gesellschaftshaus, Wirtschafts- und Stallgebäude sowie ein Maschinen- und Kesselhaus. Abschließend wurde das ganze, durch den Kauf weiterer Parzellen inzwischen 60 000 Quadratmeter große Grundstück mit einer 2,50 m hohen Mauer eingefriedet. Zu den gewaltigen Bauarbeiten, die alle von Moritz und Bernhard Große, Maurermeister aus Kötzschenbroda ausgeführt wurden, schrieb Pierson in seinem oben erwähnten Buch: „... Die Arbeiten wurden mit sehr zahlreichen Kräften so rasch ausgeführt, dass bereits im Juli 1891 das sogenannte Hebefest gefeiert werden konnte, an welchem sich gegen 400 Arbeiter betheiligten. Am 1. September 1891 zog ich nach Lindenhof, um die letzten Arbeiten besser zu überwachen und fuhr von hier mehrmals wöchentlich nach Pirna zum Besuche der dortigen Patienten. Am 22. Oktober 1891 endlich erfolgte unter meiner Leitung die Ueberführung der Kranken, 53 an der Zahl, von Pirna nach Coswig mittels eines Extrazuges von 35 Achsen. Dank dem einheitlichen Zusammenwirken aller vorhandenen Kräfte verlief die Übersiedelung ohne jede Störung; … Gegen Weihnachten 1891 konnte auch das Gesellschaftshaus seiner Bestimmung übergeben werden. Die älteren Gebäude wurden an die neu eingerichtete Wasserleitung und Entwässerungsanlage angeschlossen und mit electrischer Beleuchtung versehen; weiterhin wurden neue Parkanlagen geschaffen, in dem Fichtenwäldchen Wege angelegt, an verschiedenen Stellen elektrische Bogenlampen angebracht. Im Jahr 1892 wurden eine Kegelbahn und zwei Gewächshäuser (Kalt- und Warmhaus) gebaut; …“ Zu erwähnen ist außerdem, dass es für die gesamte Anlage eine eigene Elektrizitätsversorgung und eine zentrale Heizungs- und Telefonanlage gab. Nachdem für die Patienten alles nach neuestem Standard und mit allen Errungenschaften der damals modernsten Technik eingerichtet war, ließ Pierson für sich und seine Familie noch ein Wohnhaus im südlichen Teil des Lindenhofes erbauen. Bis dahin wohnten sie im Herrenhaus, dem einzig noch vorhandenen Gebäude aus der Gründerzeit des Lindenhofes. Im September 1894 konnte die Familie Pierson in die so genannte „Direktoren-Villa“ einziehen. 1896 wurde dann das ehemalige Herrenhaus zu einem Empfangsgebäude umgebaut. Aufmerksame Betrachter werden die für die bauliche Entwicklung des ältesten Lindenhof-Gebäudes bedeutsamen Jahreszahlen heute noch am Haus entdecken können:
Ein Modell der gesamten Anlage stellte Reginald Pierson auf der großen Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung, die von April bis Oktober 1897 in Leipzig stattfand, der Öffentlichkeit vor. Dafür wurde er mit der Großen Silbernen Medaille ausgezeichnet. Leider sind weder Modell noch Medaille überliefert.
Somit ist in diesem Jahr nicht nur dem 100. Todestag von Sanitätsrat Dr. med. Pierson zu gedenken, sondern auch, dass er vor 115 Jahren auf dem Gelände des Lindenhofes eine Heilanstalt für Gemüts- und Nervenkranke errichtete, deren bauliche Grundstrukturen, vor 110 Jahren vollendet, bis heute erhalten blieben. Mit dem Eintrag auf der Denkmalliste des Freistaates Sachsen stehen diese Bauten, die Parkanlage in ihrer Gesamtheit und die Einfriedung unter besonderem Schutz, da sie bau- und ortsgeschichtlich sowie künstlerisch bedeutend sind.
Die Heilanstalt Die Heilanstalt Dr. med. Piersons in Neucoswig wurde bald im In- und Ausland bekannt und zählte zu den renommiertesten deutschen Heilanstalten auf dem Gebiet der Psychiatrie. Durchschnittlich war sie in den ersten Jahren mit 90 Kranken belegt, darunter auch Ausländer. Zu den bereits erwähnten Annehmlichkeiten für die Patienten gehörten außerdem Einrichtungen, die ihrer Unterhaltung und körperlichen Bewegung dienen sollten: Kegelbahn, Tennisplatz, Krocketspiel, Billard-, Musik-, Lese- und Spielzimmer und eine ca. 2000 Bände umfassende Bibliothek. Heute noch erhalten ist der Festsaal mit Bühne im Gesellschaftshaus. Dazu schrieb Pierson: „Zu grösseren Festlichkeiten, die in dem grossen Saal des Gesellschaftshauses abgehalten werden, vereinigen sich Kranke und Gesunde namentlich bei Gelegenheit der Theateraufführungen, an welche sich in der Regel ein Ball anschliesst; daselbst findet auch die Weihnachtsbescherung und die Sylvesterfeier statt.“ Damit umriss Pierson die Anwendung eines wichtigen Heilmittels, dem er große Bedeutung beimaß: Der ständige Umgang seiner kranken Patienten mit gesunden Mitmenschen. Das Coswiger Tageblatt vom 13. April 1906 äußert sich zur Heilanstalt „Lindenhof“ u.a. wie folgt: „Der ärztlichen Kunst, die durch die vorzüglichen Einrichtungen und die entsprechende Beschaffenheit aller für den Heilungsprozeß wesentlichen Faktoren: Ernährung, Wohnung, Pflege, Unterhaltung usw. unterstützt wurde, gelang es, ein Drittel als geheilt und etwa die gleiche Anzahl von Besuchern wesentlich gebessert aus der Anstalt zu entlassen. … Jahraus, jahrein kommen Aerzte von nah und fern, um die Anstalt kennen zu lernen. … Zur Pflege der Patienten und Erledigung des wirtschaftlichen Betriebes sind durchschnittlicht etwa 90 festangestellte Personen, sowie etwa noch 15 Gelegenheitsarbeiter beschäftigt. … Die Anstalt ist also neben ihrer Bedeutung für therapeutische Zwecke auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein Institut, dessen Fehlen in unserem engen Vaterlande zweifellos eine Lücke bedeuten würde. …“ Pierson machte mit seiner Heilanstalt nicht nur Neucoswig und Coswig überregional bekannt, sondern er war gleichzeitig einer der wichtigsten Arbeitgeber für die Bewohner dieser Orte und ein nicht zu unterschätzender Steuerzahler für Neucoswig. Heute wäre sicher jeder Wirtschaftsförderer glücklich über solch einen Investor! Neben dem ärztlichen und dem in der Verwaltung tätigen Personal fanden u.a. Pfleger und Pflegerinnen, Köchin, Küchen- und Stubenmädchen, Plätterinnen und Wäscherinnen, Maschinisten, Heizer, Gärtner und Kutscher Arbeit. Viele von ihnen waren langjährig und manche über Generationen im Lindenhof beschäftigt. >> weiter
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Teil 1: Die Familie Pierson Petra Hamann, Stadtarchiv
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"Veröffentlichungen des Stadtarchivs" |