Wie Coswig vor 60 Jahren Stadt wurde

Böse Zungen behaupten ja, Coswig bleibe ewig Dorf. Dazu kann man stehen, wie man möchte. Fakt ist, daß Coswig am 21. September 1939 das Recht erhielt, die Bezeichnung "Stadt“ zu führen.

Seit 1935 hatte Coswig mit Emil Rädel einen Bürgermeister, der gleichzeitig NSDAP-Ortsgruppenleiter von Coswig war. Seit seinem Amtsantritt verfolgte er ehrgeizig große Pläne mit der damals größten Landgemeinde Sachsens, ganz im Sinne der NS-Ideologie.

Durch die Eingemeindung von Kötitz am 1. April 1935 wuchs die Einwohnerzahl Coswigs auf fast 9.000. Am 23. Juni 1939 stellte der Bürgermeister beim Reichsstatthalter Sachsens den Antrag, Coswig die Bezeichnung "Stadt“ zu verleihen. Da hatte Coswig bereits 10.400 Einwohner. Mit einem 6-seitigen Schreiben über die Entwicklung Coswigs mit seinen eingemeindeten Orten Neucoswig und Kötitz vom Bauern-, Winzer- und Fischerdorf zu einer Großgemeinde mit bedeutender Industrie und über die Landesgrenzen hinaus bekannten Gartenbaubetrieben, begründete er das Gesuch.

Die Entwicklung Coswigs konnte sich mit fortschreitender Industrialisierung seit Ende des 19. Jahrhunderts wahrlich sehen lassen. Die verkehrstechnische Erschließung des Ortes durch Zug, Kraftomnibus, Straßenbahn und Dampfschiff bildete eine wichtige Grundlage für weiteres Gedeihen. Das gemeindeeigene Wasserwerk, die 1931 begonnene Beschleusung des Ortes, die für damalige Verhältnisse moderne Kläranlage an der Elbe, die konstante Versorgung mit Gas und Strom aus den Verbandswerken Radebeul, ein 40 km langes, gut ausgebautes Straßennetz und ausreichend Bauland begünstigten neue Ansiedlungen in Coswig. Die florierenden Industriebetriebe beschäftigten zur Zeit der Antragstellung ca. 5.700 Arbeitnehmer und beeinflussten maßgeblich ein hohes Steueraufkommen der Gemeinde, die seit der Inflationszeit stets einen ausgeglichenen Haushalt vorweisen konnte.

In Coswig befanden sich zahlreiche Behörden und öffentliche Einrichtungen wie z.B. Postamt, zwei Bahnhöfe, Arbeitsamts- und Krankenkassennebenstelle, Zollamt, Gemeindebank und Sparkasse, zwei Volksschulen mit einer höheren Abteilung, eine Verbandsberufsschule, die Gewerbe-, Handels- und Gärtnerschule, zwei ausgebaute Sportplätze und einen Tennisplatz. 1936 wurde Coswig sogar offiziell als Fremdenverkehrsgemeinde anerkannt.

Bereits am 28. September 1939 überreichte der Innenminister Sachsens dem Bürgermeister persönlich die Urkunde zur Verleihung der Bezeichnung "Stadt“ für Coswig. Die Urkunde trug das Datum vom 21. September 1939. Leider ist das Original der Urkunde nicht mehr vorhanden.

Im Sächsischen Verwaltungsblatt von 6. Oktober 1939 wurde die Verleihung der Bezeichnung "Stadt“ für Coswig öffentlich bekanntgegeben.

Sächsisches Verwaltungsblatt vom 6. Oktober 1939

Aus Anlass dieses bedeutenden Ereignisses für Coswig war ein großes Volksfest geplant. Doch die politische Situation hatte sich geändert, es war Krieg. Der furchtbare, von Nazi-Deutschland entfachte Zweite Weltkrieg hatte begonnen. Zu dieser Zeit ahnte noch niemand, wieviel Leid und Zerstörung dieser sinnlose Krieg über die gesamte Menschheit bringen würde. In Anbetracht der ersten Opfer, die der Krieg bereits gefordert hatte, entschied sich der Gemeinderat für eine "kurze, ernste Feier mit musikalischer Umrahmung“ in der Börse.

Über 900 geladene Gäste und Einwohner Coswigs nahmen an dieser Festveranstaltung teil. Ausführlich wurde in den Tageszeitungen der Region darüber berichtet. Die Volksbank Coswig spendete aus Anlass der Stadtwerdung ein Sparbuch über 100 RM dem Zwillingspaar, das als erstes in der Stadt Coswig geboren wird. (Diese Zwillinge kamen übrigens am 29. Juni 1940 in Kötitz zur Welt.)

Alle weiteren Pläne, besonders das zukünftige Baugeschehen betreffend – geplant war u.a. der Bau eines Jugendheimes, eines Kindergartens, einer Turnhalle, weiterer Wohnungen und 1941 bereits ein Rathaus-Neubau auf dem Platz des heutigen Rathaus-Centers - wurde durch den allen Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklung hemmenden Weltkrieg zunichte gemacht.

Den Jahren des antifaschistisch-demokratischen Aufbaus nach dem Krieg folgten 40 Jahre sozialistisches Arbeiten und Leben in der Industrie- und Gartenstadt. Als prägend für das Ortsbild und die Entwicklung Coswigs in dieser Zeit sollen u.a. die Eingemeindung der Dörfer Sörnewitz und Brockwitz am 1. Juli 1950, die Bildung der Landwirtschaftlichen und Gärtnerischen Produktionsgemeinschaften, die Entstehung der beiden Neubaugebiete Spitzgrund und Dresdner Straße und die Entwicklung der Industriebetriebe zu Großbetrieben und Kombinaten genannt sein. Die Einwohnerzahl Coswigs stieg kontinuierlich und erreichte 1985 mit über 28.000 Einwohnern den Höchststand.

Mögen den ersten 10 hoffnungsvollen Jahren nach der politischen Wende von 1989 noch viele weitere zum Wohle der jungen Stadt am grünen Rande Dresdens folgen!

Petra Hamann, Stadtarchiv